Die Welt im Großen und im Kleinen <

Der Mensch wird von den Alten als kleine Welt bezeichnet und gewiss ist die Wahl dieses Namens wohl angebracht, da, ebenso wie der Mensch aus Erde, Wasser, Luft und Feuer zusammengesetzt ist, dieser Körper der Erde ihm ähnlich ist. Wenn der Mensch in sich Knochen hat, Stütze und Befestigung des Fleisches, hat die Welt Steine als Befestigungen der Erde …

Leonardo da Vinci

Paris Ms. A, fol. 55v. Übersetzung: Marianne Schneider

 

 

Bildende Kunst, Wissenschaft und Technik waren im Italien des 15. Jahrhunderts eng miteinander verknüpft. Zugleich waren die einzelnen Disziplinen auch an der Entwicklung eines umfassenderen Weltbildes und der Auslotung der Beziehungen zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos beteiligt.
Bei der Betrachtung der Welt im Großen stützte man sich nach wie vor auf die aus der Antike überkommene geozentrische Tradition, in welcher die Erde den Mittelpunkt des Weltalls bildete und von verschiedenen, hierarchisch gestaffelten Sphären umgeben war, von der Sphäre des Wassers bis zur Sphäre der Fixsterne. Durch das ständig vermehrte Wissen, nicht zuletzt durch die von den Entdeckungsreisen beförderten geographischen Einsichten wurde diese Auffassung jedoch zunehmend in Frage gestellt. Ein immer intensiveres Studium der Natur im Allgemeinen und des menschlichen Körpers im Besonderen erweiterten auch die Kenntnis der Welt im Kleinen. Hiervon erhoffte man sich nicht nur Fortschritte in Wissenschaft, Medizin und künstlerischer Darstellung, sondern zugleich ein tieferes Verständnis für die grundlegenden Prinzipien des Lebens. Die Suche nach solcher Naturerkenntnis war ein zentrales Motiv im Schaffen Leonardo da Vincis. Die rasante Entwicklung des Buchdrucks stellte dem Künstler-Wissenschaftler immer mehr Wissensquellen zur Verfügung, die es ihm erlaubten, seiner Suche nach einem integrativen Weltbild nachzugehen. Zugleich war es ihm möglich, dieses Weltbild auch durch eigene Beiträge mitzugestalten: im Kleinen durch seine analytischen Studien des menschlichen Körpers, im Großen durch Landkarten und Darstellungen astronomischer Erscheinungen.

Nah- und Fernsichten <

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Leonardo da Vinci. Optisches Experiment. ca. 1508–1509
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In seiner späten Schrift Vom menschlichen Auge (dellocchio vmano) handelt Leonardo in teils dialogischer Form (Argument und Gegenargument) vom Gesichtssinn und stellt zahlreiche Experimente zu optischen Phänomenen vor. Die rechts oben durch eine Zeichnung veranschaulichte kuriose Versuchsanordnung soll in Erfahrung bringen, wie die visuelle Wahrnehmung (virtù visiva) über das „Instrument“ des Auges funktioniert, oder, mit den Worten Leonardos, wie die von den Objekten ausgehenden Sehstrahlen vom Sehsinn aufgenommen werden. Der Proband soll hierzu mit seinen eigenen Augen in ein Modellauge eintauchen. Dieses wird simuliert durch eine wassergefüllte und getönte große Glaskugel (Uvea), eine Schachtel auf dem Grund mit einer Öffnung, entsprechend der Pupille, sowie einer inneren Kugel aus dünnem Glas anstelle der Linse.

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Literaturverweise

    Fehrenbach, Frank. 2002. „Der oszillierende Blick. ‚Sfumato’ und die Optik des späten Leonardo“. Zeitschrift für Kunstgeschichte 65 (4): 522–544.

    Quaglino, Margherita. 2013. Glossario Leonardiano. Nomenclatura dellottica e della prospettiva nei codici di Francia. Bd. 4. Biblioteca Leonardiana. Studi e Documenti. Florenz: Olschki.

    Strong, Donald Sanderson. 1979. Leonardo on the Eye. An English Translation and Critical Commentary of MS. D in the Bibliothèque Nationale, Paris. New York / London: Garland.