Die Mobilität des Wissens <

Die Weisheit ist die Tochter der Erfahrung

Leonardo da Vinci

Codex Forster III, fol. 14r. Übersetzung: Jürgen Renn

 

 

Das Wissen, das Leonardo in seiner persönlichen Bibliothek versammelte, ist ein kollektives Wissen. Es beruht einerseits auf einer langen, bis auf die Antike zurückgehenden Tradition – andererseits auch auf der zunehmenden Mobilität der Menschen in Europa und ihres Wissens seit dem späten Mittelalter. Überseeschifffahrt und Buchdruck sorgten nochmals für eine große Beschleunigung der Wissenszirkulation. Kaufleute reisten auf den großen Handelsrouten und unterhielten Filialen in wichtigen städtischen Zentren, Teilnehmer der Kreuzzüge brachten Wissen vor allem aus dem arabischen Raum nach Europa, internationale Gelehrte und Studenten tauschten sich dank der lateinischen Universalsprache an den Universitäten aus, Künstler und Baumeister reisten auf der Suche nach lukrativen Aufträgen und neuesten künstlerischen Entwicklungen quer durch Europa und darüber hinaus. Entdeckungsreisende unternahmen gewagte Expeditionen in bisher unbekannte Erdteile und brachten neues Wissen zurück, während Kolonisatoren in ihrem Gefolge sich der neu entdeckten Gebiete bemächtigten – mit katastrophalen Konsequenzen für deren Bewohner. In Form von Berichten, Erzählungen, in der immer exakteren Konstruktion von geographischen Karten und in neuen wissenschaftlichen Abhandlungen wurde das neue Wissen niedergelegt und veröffentlicht. Die Folge war eine ständige Erweiterung und Veränderung des Weltbildes, das die Welt zugleich immer verfügbarer und beherrschbarer erschienen ließ. Auch in Leonardos Bibliothek wuchs der Anteil dieses neuen Wissens über die Jahre immer weiter an.

Leonardos Berliner Bibliothek – 10. Abteilung <

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Regiomontanus, Johannes. Kalendarium. Venedig: Erhard Ratdolt, Bernhard Maler und Peter Löslein, 1476

Der Kalender des aus Königsberg in Bayern (daher die lateinische Namensform) stammenden Regiomontanus (1436–1476) übertrifft seine Vorläufer um ein Vielfaches an Präzision, Leonardo besaß davon wahrscheinlich eine italienische Ausgabe (4 ). Das Werk enthält neben einem Monatskalender in der typischen Almanachform mit astronomischen Daten auch Übersichten mit Vorhersagen der Sonnen- und Mondfinsternisse für die Jahre 1475–1530, nebst Schemata mit dem zu erwartenden Verdunklungsgrad, sowie eine Umrechnungstabelle der auf Nürnberg bezogenen astronomischen Angaben für andere europäische Städte. Schließlich stellt der Autor noch eine verbesserte Methode für die Berechnung des Osterdatums vor – ein Grund für Regiomontanus‘ Berufung nach Rom zur Mitarbeit an der geplanten Kalenderreform durch Papst Sixtus IV. Ein weiteres Werk des Regiomontanus, die Ephemeriden (voraus berechnete Gestirnspositionen), waren die Voraussetzung für die Erkundung der Welt (109 ), auch Kolumbus nutzte sie bei seiner Entdeckungsfahrt als Navigationshilfe.

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Literaturverweise

    Bambach, Carmen C. 2019. Leonardo da Vinci Rediscovered. Bd. 4: Scholarly Apparatus to Volumes One, Two, and Three. 4 Bde. New Haven / London: Yale University Press, 18.

    Mett, Rudolf. 1996. Regiomontanus. Wegbereiter des neuen Weltbildes. Einblicke in die Wissenschaft. Wissenschaftsgeschichte. Stuttgart / Zürich: B.G. Teubner / Vdf Hochschulverlag an der ETH.